In Zahlen. Von Frontzeck zu Favre.
Der Fussball lebt von seiner Subjektivität. Auch wenn einem GPS-Geräte beim Training, Matchanalyse-Tools und die Kölner Sporthochschule etwas anderes erzählen wollen, am Ende bleibt vor allem beim Fan die Ansicht über, es ginge noch immer um die ureigenste Tugenden. Aufopferung und Zweikampfhärte, Wille und Einsatz sagen ihm mehr, als die Laufleistung ihres Lieblingsstürmers im Vollsprint. Daran ändert auch die zunehmende Begeisterung für den Konzepttrainer wenig. Auch der vorletzte Kuttenträger im Bier-Nirvana wird wohl wissen, dass ein Trainer nicht lauthals von einem ‘Matchplan’ fabulieren muss, um seine Mannschaft mit einer gewissen Idee ins Spiel zu schicken. Auch Michael Frontzeck hatte eine solche Idee, beileibe keine schlechte. Als Gladbacher Urgestein, und im Wissen um die Möglichkeiten seiner Mannschaft, entschied er sich, sie im Ideal des Fohlen-typischen Konterfussballs auf die Reise durch die Saison schicken zu wollen. Eine Idee, die sich rückblickend als absolut richtig erwiesen hat; nur leider eben für ganz andere Mannschaften als die Borussia. Hannover, Mainz, Nürnberg, Freiburg und selbst die Dortmunder Meister (also eigentlich alle positiven Überraschungen der letzten Saison), sie alle verschrieben sich mehr oder minder der Idee des schnellen Tempogegenstoßes. Und auch die wahre und einzige Borussia schien nach dem 2.Spieltag, dem famosen 6:3 in Leverkusen, auf einem guten Weg.
Der Rest ist bekannt. Doch wie konnte das passieren? Die Verletztenmisere in der Verteidigung ist ein bekanntes, und sicher nicht ganz falsches Argument. Doch auch in der vermeintlichen Bestbesetzung, setzte es am 3. und 4.Spieltag 2Niederlagen mit 0:11 Toren. Die notwendigen Wintertransfers, die schließlich zur wundersamen Rettung führten, und also mangelnde Qualität der Hinrunde auffangen sollten, ebenso. Doch auch mit Ihnen verliefen die letzten 3Spiele der Ägide Frontzeck nicht eben erfolgreich. Daher sollen im Folgenden doch einmal die Zahlen herangezogen werden. Was verraten sie im Vergleich von Frontzeck zu Favre? Dazu sollen statistische Kernwerte von jeweils 10Spielen unter der Regie beider Trainer verglichen werden. Bei Favre sind dies die letzten 10Spiele der Saison. Bei Frontzeck die Spieltage 1-7, sowie 20-22. Damit ist sowohl einer gewissen Vorlaufzeit (die jeweilige Vorbereitung bei Frontzeck /einige Wochen Einarbeitung bei Favre), als auch der veränderten Spielerdecke in der Rückrunde Rechnung getragen.
Foulspiel
Die kleine Hatz durch die Statistiken beginnt beim Foulspiel. Lucien Favre ist bekannt für seine Vorliebe zum ‘sauberen’ Spiel. Dies begründet sich zum Einen in der Tatsache, dass ihm Pierre-Albert Chapuisat (Vater des großen Stephane Chapuisat) einst im Schweizer Ligabetrieb mit einem groben Foulspiel die weitere Karriere verbaute, zum Anderen am einfachen Umstand, dass ein Foulspiel sowohl einen eigenen (Tempo-)Gegenstoß verhindert, als auch in Form des folgenden Freistoßes vermehrte Gefahr bedeutet.
Und tatsächlich ist die Anzahl der eigenen Fouls pro Spiel unter Favre (13) um 19% gesunken (unter Frontzeck: 16 Fouls pro Spiel). Zugleich ist die Anzahl der gegnerischen Fouls um 13% gestiegen (von 14 auf 16). Allerdings muss man wohl zugeben, dass die prozentuelle Steigerung weitaus mehr verspricht, als es die totalen Zahlen sagen. Und im schmalen Bereich, in dem sich diese Änderungen bewegen, und eingedenk der geringen Aussagestärke, die die Anzahl der Fouls an der Qualität der Spielunterbrechung hat, ist dieser Faktor sicher von untergeordnetem Interesse.
Torschüsse
Am Ende muss das Rundige noch immer in das Eckige. Die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht sich selbstredend mit jedem Torschuss. Dabei waren es unter Favre mit 11Torschüssen pro Spiel (dabei 6 innerhalb des Strafraums) erheblich weniger als noch unter Frontzeck (14Torschüsse pro Spiel, dabei 8 innerhalb des Srafraums). Aber die Anzahl der geschossen Tore war auch das geringste Problem der Hinrunde. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Anzahl der gegnerischen Torschüsse unter Favre auf 13 pro Spiel (davon 7 innerhalb des Strafraums) zurückfiel. Unter Trainer Frontzeck lag diese Zahl mit 15 Torschüssen pro Spiel (davon 9 innerhalb des Strafraums) um 13% darüber. Aber auch das sind keine Zahlen, die absolut aufhorchen lassen.
Zweikampf
Die Bilanz der gewonnen Zweikämpfe ist in dieser ‘Untersuchung’ der einfachste statistische Wert. Denn sowohl unter Favre, als auch unter Frontzeck gewannen die Borussen im Schnitt 53% ihrer Zweikämpfe.
Passquote
Unter Lucien Favre stieg die Anzahl der insgesamt gespielten Pässe von 311 unter Frontzeck um 16% auf 370 pro Spiel. Erstaunlich dabei ist, dass die Quote der erfolgreich gespielten Pässe von 76% auf 73% gesunken ist. Zudem konnte die Anzahl der vom Gegner gespielten Pässe um 14% von 464 auf 400 pro Spiel gesenkt werden. Auch hier ist die Quote der erfolgreich gespielten Pässe gesunken, von 84% auf 76%. Diese Zahlen verdeutlichen, dass auch unter Favre noch der Grundansatz vom Konterfussball vorherrschte, es dem Gegner aber offensichtlich nicht mehr allzu leicht gemacht wurde, seinen Ballbesitz ‘durchzubringen’.
Flanken
Schließlich noch ein Blick auf die Anzahl der Flanken pro Spiel. Die Anzahl der eigenen Flanken ist dabei unter Favre im Vergleich zu Frontzeck von 11 auf 9 pro Spiel zurückgegangen. Um bemerkenswerte 17% gestiegen ist die Anzahl der gegnerischen Flanken. Von ebenfalls 11 unter Frontzeck auf stolze 15 Flanken pro Spiel unter Favre. Dies lässt, vor allem im Zusammenhang mit der Passquote, vermuten, dass es dem Gegner zunehmend erschwert wurde, durch klares Passspiel zum Torabschluss zu gelangen.
Fazit
Weder im System noch in der Grundausrichtung sind große Unterschiede zwischen Favre und Frontzeck auszumachen. Und selbst wenn dem so wäre; ein Hans Meyer steht mit seiner Meinung ganz sicher nicht falsch da, so er behauptet, Taktik bedeute nicht, ob eine Mannschaft im formellen Zahlensalat eines 4-4-2 oder 3-4-3 usw. auflaufe, sondern, ob ein jeder Spieler zu jedem Moment wisse, wie er sich auf dem Platz zu verhalten habe. Dem Spieler dies zu vermitteln ist die eigentliche Aufgabe eines Trainers. Was also sagen die aufgeführten Zahlen hierzu? Was hat Favre besser gemacht als sein Vorgänger?
In der Offensive hat es, wie erwähnt, auch unter Frontzeck noch am wenigsten gehapert. Und so soll auch im Fazit das Augenmerk auf der Defensive liegen. Die gleichbleibenden Zweikampfwerte belegen, dass der Mannschaft in kämpferischer Hinsicht sicher zu keinem Zeitpunkt der Saison irgendein Vorwurf gemacht werden konnte. Und so spricht auch die geringe Anzahl der Fouls unter Favre nicht für einen geringen Einsatz, sondern für geschickteres Verteidigen. Neben den Vorteilen des ‘sauberen’ Spiels bedeuten weniger Fouls sicherlich vor allem auch, dass man seltener ‘zu spät’ in den Zweikampf kam. Zusammen mit der stark gestiegenen Anzahl gegnerischer Flanken und dem gleichzeitigen Abfallen der gegnerischen Passquote lässt sich also auch aus den Zahlen schließen, was man gemeinhin auf dem Platz beobachten konnte. Die von Michael Frontzeck viel propagierte ‘Kompaktheit’ wurde unter Favre endlich umgesetzt. Ein vernünftiges, zügiges ‘hinter den Ball kommen’ machte es dem Gegner schwer und zwang ihn vermehrt, da der Weg durch die Mitte ‘verbaut’ war, zum Flanken- und risikobehafteten Spiel. Neben der gesteigerten Qualität der einzelnen Spieler, ist sicher auch darin, und also in den Zahlen, ein wesentlicher Faktor für das kleine Fussballwunder vom Niederrhein zu finden.
Für all jene, die mit solchen statistischen Analysen wenig anfangen können, bleiben, neben der sicherlich noch immer schönsten Art Fussball zu schauen, ganz und gar subjektiv nämlich, zum Abschluss folgende Zahlen: Während Michael Frontzeck in den betrachteten Spielen bei 15:26 Toren 9Punkte erringen konnte, steigerte Lucien Favre diesen Wert in ‘seinen’ Spielen auf 17Punkte bei 13:6 Toren. Oder einfach: Klassenerhalt!
(alle Daten von bundesliga.de)